Eine Reise mit der indischen Eisenbahn.
Bereits beim Betreten der Gleise (egal an welchem Bahnhof man sich innerhalb Indiens befindet) wird einem sehr schnell klar, dass die naechsten Stunden durch einen unaufhaltsamen Austauch von Koerperausscheidungen bestimmt werden.
Sobald der erste Wagen in den Bahnhof einrollt, fuehlt man eine sich wie ein unfreiwilliger Gast inmitten einer tobenden Kampfarena. Allerdings weiss man als unshuldiger Tourist in diesem Moment noch nicht, dass man selbst Teil des Kampfes ist. Ich stehe inmitten der brodelnden Menge und bereite mich bereits mental auf den Kampf um den begehrten Stauraum unter den Sitzen vor. Nachdem das Quietschen der Bremsen verklingt, ziehen die ersten Kaempfer los. An diesem Tag rennt mich ein junger Inder mich mit voller Wucht um. Ich habe Muehe damit mich durch den Balast meines Rucksacks auf den Beinen zu halten, und strauchle wie ein Betrunkener. Keiner hilft mir, aber das habe ich auch nicht anders erwartet. Die Passagiere, die aus dem Zug aussteigen wollen, erwartet ein Bodycheck nach dem anderen. Die Regel “Erst aussteigen , dann einsteigen.” scheint in Indien nicht zu existieren. Erstaunlicherweise gelingt es mir diesmal ohne grosse Muehe und ohne den Einsatz meines Ellbogens meinen Platz zu finden und mein Gepaeck unter meiner Sitzbank zu verstauen. Doch als ich das Fenter oeffnen will, wird mir klar, dass die Nacht auf dem LB (Lower Bed), wie ich es selbst gewaehlt habe, ein kaltes Unterfangen werden koennte. Die Fensterscheibe ist voellig herausgebrochen. Das Fenster laesst sich lediglich mit einer Art Rolladen verschliessen, was nicht wirklich heisst, dass man das Fenster geschlossen hat. Willlkommen in Indien. An dem heutigen Tag reisen, wie zu erwarten fuenf Maenner, in meiner Sitzecke mit mir. Zwei davon sind Teil einer muslimischen Reisegruppe und demonstrieren mir in den naechsten Stunden, was es heisst ein glaeubiger Moslem zu sein. So bitten sie mich und die anderen Insassen in der gesamten Zugfahrt von insgesamt 23 Stunden in regelmaessigen Abstaenden kurz aufzustehen. Danach wird ein Bettlaken zwischen den Sitzreiehn ausgebreitet, auf dem sie kniend in Richtung Mekka beten. Am Ende der Fahrt kommt der einzige weise Moslem der Gruppe auf mich zu und reicht mir als Entschaedigung fuer die vielen Get-up-Stoerungen einen Apfel und einen Granatapfel. Als ich den dicklichen Inder mit dem Turban frage, ob ich den mit ihm das Bett tauschen kann, willigt dieser sofort ein. Ich krabbel hinauf in mein Schlafgemach und mache es mir mit Hilfe meines Schlafsacks und meinen Survival-Utensilien wie iPod, Schlafmaske ( Ich schlafe tatsaechlich mit einer lilafarbenen Satinschlafmaske mit der Botschaft: “Weck mich. Ich will”. Ich hoffe zutiefst, dass keiner der hier Anwesenden deutsch versteht.) und dicken Wollsocken auf meiner hellblauen Pritsche gemuetlich. Mit meiner Schlafmusik auf den Ohren und einem halbwegs dunklen Zustand schlummere ich schon bald tief und fest. Ich erwache in der Nacht. Ausser das Rattern des Zuges ist es erstaunlicherweise ruhig. Das Bett neben ist mit dem schweren Koerper des aelteren Moslems ausgefuellt. Aus seiner Richtung vernehme ich ein leichtes Schnarchen. Die Entscheidung, ob ich zur Toilette gehe, wird mir mit dem Blick hinunter abgenommen. Zwischen den Sitzreihen, die mittlerweile beide als Bett umfunktioniert wurden, liegt eine weitere Person auf dem Boden. Meine stinkenden Wanderschuhe muessen sich unmittelbar neben seinem Gesicht befinden. Ohne Schuhe kann man sich allerdings innerhalb des Zuges jedoch nicht fortbewegen. Es sei denn man moechte seine Fuesse in der Pisse und Scheisse des gesamten Zugabteils baden. Nach einigen wirren Gedanken falle ich erneut in einen unruhigen Schlaf. Am nachsten Morgen werde ich durch das grelle Licht der Neonroehre neben meinem Gesicht geweckt. In den naechsten Stunden ziehen mehrere Bettler (meist junge Muetter mit einem oder mehreren Kindern) und diverse Essens- und Getraenkeverkaeufer durch die Reihen. Ich bleibe fast die komplette Zugfahrt auf meiner Pritsche und beobachte das Spektakel aus der Vogelperspektive. Ich schaue aus dem Fenster und freue mich immer mehr Menschen in Sommerbekleidung zu sehen. Mein Zug faehrt fuer mich heute in Richtung Sommer. Es gibt wenige Momente, wo ich wirklich Muehe habe meine Balance zu halten. Etwa als der dritte Junge auf Knien robbend mit seinen blanken Haenden den Muell auf dem Boden zusammenscharrt (Der Muell wird natuerlich aus dem Fenster geschmissen.) und mich um Geld bittet, oder als der blinde Bettler von seinem Begleiter, einem etwa fuenfjaehrigen Kind dazu aufgefordert wird noch naeher zu mir zu treten, damit ich ihm noch mehr Geld zustecken kann. In diesen Momenten sehne ich mich wirklich auf einen anderen Planeten, was so viel heisst wie in ein anderes Land. Denn in den indischen Zuegen scheint man sich fernab von der mir vertrauten Welt fortzubewegen. Auch wenn es nach meiner Schilderung absurd klingen mag, aber ich mag das Zugfahren in Indien. Mit der noetigen Gelassenheit ueber Dinge wie der starke Gestank und der kontinuierliche Geraeuschpegel hinweg zu sehen und der unabdinglichen Vorsicht vor moeglichen Dieben, kann man hier wirklich viel ueber die Menschen in diesem Land lernen. Schon Gandhi wusste nach seiner Rueckkehr von Suedafrika, dass eine Zugfahrt durch Indien in der dritten Klasse die einzige Moeglichkeit ist, um die Menschen in diesem Land kennen zu lernen. Und wie zu erwarten ist der Transport mit der Bahn neben dem Bus die guenstigste Art des Reisens. Fuer eine Zugfahrt von Delhi nach Mumbai ( 1405 km) zahlt man gerade mal 414 Rupies (das sind umgerechnet 6 Euro.) Fuer diese Summe ueberhoert man ganz einfach die Chai-Schreihaelse und trainiert seine Geruchsnerven auf Durchzug. Und wem das alles ein Tick zu heftig ist, der hat immer noch die Moeglichkeit in eine bessere Klasse mit AC (Airconditioning) zu wechseln.
Das ESSEN
Das Schoene beim Reisen in einem indischen Zug ist das Phaenomen Essen. Ich habe es bisher bei jeder Fahrt erlebt, dass die Menschen ihr Essen untereinander anbieten. Allerdings wenn ich recht ueberlege, wurde das Angebot bisher so gut wie nie vom Gegenueber angenommen. Handelt es sich tatsaechlich nur um ein rhetorisches Anbieten oder sind die Menschen hier wirklich zum Teilen ihres Proviants bereit ? Auch auf dieser Reise werden mir mehrere Bananen bzw. Chips- und Kekstueten unter die Nase gehalten, die ich anstandshalber ebenfalls ablehne. Im Gegenzug werden meine Angebote von den fuenf Herren mit einem leichten Kopfschuetteln beantwortet.
Die CHAI-Schreihaelse
In der indischen Eisenbahn gibt es einen weiteren Zug. Der Zug der Teeverkaeufer. Eine erste Einweisung des Zugs im Zugs laeuft ungefaehrt so ab. Man ist endlich eingeschlafen, als man durch die eindringliche Kermit der Frosch aehnliche Stimme des ersten Chai-Verkaeufers geweckt wird. Dies ist allerdings erst der Anfang der Chai-Schreikarawane. Kurz nach dem naechsten Wegdoesen schallt es “CHAI MASALA, CHAI MASALA” in der gleichen penetranten Art und Weise durch die Reihen. Die Gewissheit, dass der naechste Chai- Schreihals nicht weit sein kann, laesst die Bereitschaft des eigenen Koerpers zum Schlafen unweigerlich sinken und stattdessen ganz sachte und voellig unerklaerlich ein leichtes Verlangen nach Chai in einem aufsteigen.
Dabei sollte noch erwaehnt werden, dass der gleiche Teeverkauefer ungelogen gefuehlte 97mal in den naechsten vier Stunden mit der gleichen monotonen Ankuendigung seines CHAIS an mir vorrueberzieht. Ich moechte ihn fast schon fragen, ob sein Tee mittlerweile nicht schon kalt ist, da ich mir nicht vorstellen kann, dass er in den letzten Stunden so viel Tee verkauft hat, dass er den grossen Kanister nachfuellen musste.
Die Geraeusche und Gerueche
Die Tatsache, dass sich die unterschiedlichsten Menschen ueber 20 Stunden auf engstem Raum eine mobile Essens- und Schlafstation einrichten, erklaert hier einiges. Es stinkt kontinuierlich nach menschlichen Ausduenstungen von Pfurz, strengem Schweiss, dem beissenden Geruch von Pisse vermischt mit Scheisse und wenn man Pech hat nach Erbrochenem. Hier sei zu erwaehnen, dass das Klo in den Zuegen ein einfaches Loch darstellt. Man pinkelt somit direkt auf die Gleisen.
Gemischt werden die menschlichen Duefte durch das viel zu suesse Parfuem einiger Inder und durch die Essensreste der Mitfahrer. Diese sind natuerlich variabel. Dabei sei natuerlich zu erwaehnen, dass die Gerueche waehrend der Fahrt wechseln. Was den Geraeuschpegel betrifft, kann man hier wirklich grosses Glueck und auch Pech haben. Das Stimmengewirr der Menschen tagsbueber und das Schnarchorchester in den naechtlichen Stunden ist tatsaechlich ertragbar. Viel schlimmer ist das Geschreie eines Babys oder die furchtbare indische Musik, die aus einigen Handylautsprechern droehnt. Nicht zu vergessen ist das kontinuierliche Rattern des Zuges, das auf dieser Fahrt ohne Fensterscheibe noch ein Tick lauter ist als normal.
Alles in allem sind Ohrsteopsel hier wirklich ein gutes Hilfinstrument. Dabei sollteman allerdings nicht die Diebe vergessen, die die Zuege in Indien zu einen ihrer liebsten Einsatzzentren erklaert haben. Entscheidet man sich fuer die Ohrenstoepsel, so heisst dies. Anketten des Gepaecks oder im Zweifel das Umfunktionieren dessen als Kopfkissen. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass ein leichtglaeubiger Tourist am naechsten Morgen aufgewacht ist um dann festzustellen, dass da kein Rucksack mehr unter seinem Sitz liegt. Die Bettler und die TransenmafiaWie zu erwarten gibt es in Indien keine Zugfahrt , auf der man nicht die Armut in Form von viel zu klein geratenen Kindern von ihren ausgemerkelten Muettern vor die Nase gehalten bekommt. In einem Zug wurde ich jedoch Zeuge einer noch eigenartigen Gruppe von bettelnden Maennern in Saris, dem indischen Nationaldress fuer Frauen. Mit einem aggressiven ‘Klatschen’ forderten die aufgetackelten Ladyboys die anderen Passanten dazu auf ihnen Geld zu geben. Die Jungs standen sichtlich unter Drogeneinfluss und schienen mir ehrlichgesagt gefaehrlicher als die bewaffneten Polizisten, die das Spektakel einfach so Gewaehren liessen. Selbst als eine der Transen den dicklichen Polizist in ihrem Drogenwahn anrempelte, blieb dieser voellig ruhig und machte ihr stattdessen noch Platz. Was mich jedoch noch viel mehr erstaunte, war die Tatsache, dass die schwankenden Transen tatsaechlich von den meisten der Passagiere ein paar Scheine zugesteckt bekamen. Nach einigem Nachfragen erklaerte man mir, dass die Menschen nicht etwa aus Mitleid Geld geben, sondern aus Angst, dass sie ansonten mit einem boesen Fluch der sonderbaren Geschoepfe bestraft werden. Daher suchen die Transen auch zu gerne Feierlichkeiten wie Hochzeiten und Taufen auf, um sich ein wenig Kleingeld dazu zu verdienen.























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